Gestern verkaufte die Antique Wine Company in London eine Flasche des äusserst raren Sauternes Château d´Yquem 1811 zu einem Preis von 75.000 britische Pfund (85.000 Euro) und wird daher im Guinnessbuch der Rekorde künftig als teuerste jemals verkaufte Flasche Weisswein aufgeführt werden. Der bislang höchste Preis für eine Flasche Weisswein lag bei 56.588 Pfund für eine Flasche 1787 Château d´Yquem. Der neue Besitzer ist Christian Vanneque (61). Er war zehn Jahre lang Sommelier im legendären Restaurant „Tour d´Argent“ in Paris und 1976 Mitglied der Jury des „Judgment of Paris“. Ab 1984 lebte er in den USA, wo er zunächst als Consultant das „Four Seasons in Beverly Hills“, „Jack Nicolsons Privat Club „Helena´s“ in Los Angeles und das Givenchy Resort & Spa in Palm Springs. 1990 eröffnete er in New York das Restaurant „La Palette“, das er 1999 verkauft und seinem Bruder Daniel nach Bali folgte. Dort gehört ihm das Restaurant „The Living Room“ und eine Wein Bar. Die Flasche ersteigerte er für sein neues Restaurant-Projekt „Sip Wine & Grill“ das im Herbst dieses Jahres eröffnet wird und dann über den umfangreichsten Weinkeller Indonesiens verfügt.

Es wurde in den vergangenen 24 Stunden weltweit viel über diese Flasche geschrieben, deren Echtheit 2007 nach einer ausführlichen Untersuchung von Flasche Label und Kapsel vom Château ausdrücklich bestätigt wurde. Kaum einer dürfte diesen Wein allerdings je verkostet haben. Daher zitierten die Kolleginnen und Kollegen meist Per-Henrik Mansson vom Wine Spector und Robert Parker, die den Wein beide mit 100 Punkten bewertet haben. Ich hatte das Glück u.a. bei der Verkostung von Robert Parker am gleichen Tisch zu sitzen. Vorher und nachher ist mir dieser legendäre Wein noch mehrere Male begegnet. Dieses Ereignis brachte mich auf die Idee mich nochmals ausführlich mit dem Jahr 1811, diesem Wein sowie zwei anderen Weinen dieses Jahrgangs auseinanderzusetzen: 1811 Lafite und 1811 Forster Ungeheuer, deren Faszination mit 100 Punkten nur ungenügend beschrieben werden.
Der Jahrgang 1811
Das Jahr 1811 gilt nicht nur in Bordeaux sondern in allen damals wichtigen Anbaugebieten Europas als einer der besten Jahrgänge, wenn nicht gar der beste in den vergangenen drei Jahrhunderten. Im Volksmund wurde er auch als Napoleon- oder Kometenwein bezeichnet Kometenwein wurde er genannt, weil damals mehrere Kometen am Himmel standen, die man als Kriegsvorboten deutete, und Napoleon-Wein weil Napoleon Bonaparte in diesem Jahr auf dem Höhepunkt seines Ruhmes angelangt war. Es ist der legendäre „Eilfer“, den Goethe in seinem „Westöstlichen Diwan“ besungen hat.
In Deutschland wurde 1811 als „berühmtes Weinjahr erster Klasse“ (Ruthe) geführt. In Franken war es „ein Hauptwein, ausbündig gut und viel, ein wahrer Nektar (Miltenberg Chronik), “ein Ausbund”, “der Sommer kam im Mai und ihm folgte ein warmer und überlanger Herbst”(Bamberger Weinbuch). Im Rheingau gab es „einen der besten Weine des Jahrhunderts, den selbst Goethe pries.“ (Rüdesheim Chronik). Im Herbstbuch des Domdechant Werner´schen Weingutes in Hochheim heisst es schlicht: „Der Allerbeste.“ Auch in Tokaj gilt 1811 laut Istvan Szepsy als einer der grössten Jahrgänge der letzten 200 Jahre.
1811 Château d`Yquem
Erstmals getrunken bei der 1811er Probe, die Hardy Rodenstock und Josef Viehhauser 1994 im Hamburger Restaurant Le Canard organisierten. Meine Notiz: Originalkork. Klare, leicht rötliche Farbe. Begeisterte vor allem mit seinem komplexen Bukett aus Nougat, Nuß, Kaffee, Karamel und Vanille. Im Mund noch von beachtlicher Fülle mit einem deutlichen Rest von Frucht. Ein eleganter, feiner Wein mit schmeckbarer Süße. An diesem Abend habe ich mir zu diesem Wein notiert: hat schon bessere, um nicht zu sagen große Tage erlebt, aber mit Altersbonus immer noch faszinierend. Einige Monate danach öffnete Rodenstock bei seiner Arlberg Probe zwei Flaschen Yquem, die im Christie’s Auktionskatalog als “ca. 1810 bis 1830″ beschrieben werden. Da sich der Inhalt diese Flaschen in einem unvergleichlich besseren Zustand befand als der Original 1811er liegt die Vermutung nahe, daß es sich ebenfalls um Flaschen aus diesem legendären Kometenjahr gehandelt haben könnte. Meine Notiz: mittleres Braun mit einem Anflug von Rot. Auch hier in der Nase diese impressive Mischung aus Vanille, Nuß und Kaffee bis hin zu Mocca. Deutlich süßer als die erste Flasche mit noch deutlichen Tanninreserven, die ihm im Abgang noch zu einem leichten Bitterton verhalfen. Schöne Würze am Gaumen, weiche Fülle. Eine ganz besonders delikate, feine Oxydation, die einhergeht mit großer Eleganz und Finesse. Bei der Rodenstock Probe mit Robert Parker in München dann eine Flasche im Flight der großen Yquems aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert: 1811, 1814, 1825 und 1847. Helles Bernstein. Viel Vanille, aber auch viel Kräuterwürze. Sehr wuchtig am Gaumen, etwas bitter im sehr langen, tiefen Abgang. Dicht und dickflüssig. Hat seine Konsistenz gut bewahrt. Unglaubliche Tiefe, zarte Süße, unverbrauchte Frucht, leichte Teenoten und Früchte bis hin zu Zitrus und Ananas, warmes Brot. Ein faszinierender, weil elixierhafter Wein. Bei einer Probe Ende 1995 in Hamburg war er sehr dunkel in der Farbe. Bei den Aromen dominierten Malz und Schokoladentöne, wenig Frucht.
1811 Forster Ungheuer
Wie grossartig die Weine des Jahrgangs 1811 waren und soweit sie überlebt haben heute noch sind, stellte sich 1999 heraus bei einer Verkostung jenes 1811er Forster Ungeheuers aus dem „Weinmuseums“ des Weingutes Geheimerrat Dr. von Bassermann-Jordan in Deidesheim, der zu den Lieblingsweinen des Reichskanzler Otto von Bismarck zählte. Verblüfft notierten die Experten: ein noch heller, klarer Wein von stupender Frische, dessen einstige Süsse zwar aufgezehrt war, den aber seine Säure, die Dichte der Extrakte und ein gewisses Mass an Gerbstoffen auf wundersame Weise konserviert hatten.
Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Riesling – auch wenn das Jahr noch so gewaltig war und der Wein nach der Gepflogenheit der Zeit mindestens vier oder fünf Jahre im Fass ausgebaut worden war – seine Qualität so lange halten kann. Mit einiger Sicherheit handelte es sich bei diesem Wein auch nicht um einen sortenreinen Riesling sondern um einen Mischsatz. Laut dem „Weinbuch“ von Dr. Wilhelm Hamm aus dem Jahr 1865 stand Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen heute noch prominenten Lagen an der Mittelhaardt auch die Sorte Orleans. So nennt er für die drei als „1. Classe“ bewerteten Spitzenlagen im pfälzischen Forst – Kirchenstück, Jesuitengarten und Ungeheuer – als Besatz Orleans, Traminer und Riesling. Der dickschalige Orleans mit seinen natürlichen Tanninen könnte also (neben einer starken Schwefelung) eine mögliche Erklärung für die robuste Substanz dieses Weins sein.
1811 Chateau Lafite
Probiert beim 1811er Kometenwein Tasting im Le Canard in Hamburg. Es handelte sich um die letzte bekannte Flasche dieses Jahrgangs von diesem Chateau. Die 1.94 Liter fassende sogenannte Tappit Hen Flasche stammte aus dem Keller von Hardy Rodenstock. Er hatte sie 1987 erworben. Im gleichen Jahr war sie auf Lafite vom Kellermeister neu verkorkt und mit 1896er aufgefüllt worden.
Ein Bordeaux Gewächs aus der Pre Phyloxera Zeit von stupender Qualität und Frische. Das hat Viererlei Gründe. Zum einen glauben Fachleute zu wissen, daß die wurzelechten Reben der Vorreblauszeit einfach extraktreichere und dichtere Weine erbrachten als die heutigen Pfropf Reben. Auf jeden Fall waren die Rebstöcke damals wesentlich älter und damit ertragsschwächer, was immer auch eine Verbesserung der Qualität bewirkt. Zum anderen wurden diese Weine teilweise mit Stengel und Schalen im Faß vergoren und vier Jahre gelagert, statt wie heute üblich maximal zwei Jahre. In ihrer Jugend waren sie dann so tanningeladen, daß man sie vermutlich die ersten zwanzig Jahre kaum mit Genuß trinken konnte. Dies schuf aber die Voraussetzung, daß ein solcher Wein so lange überleben und dabei eine solche delikate Feinheit gewinnen konnte. 183 Jahre alt und auch ohne gnädigen Senioren Bonus kein bißchen müde. Im Glas noch von klarem Granatrot mit einem leichten Orange Braunrand. Zeigte ein würziges Kaffeearoma in der Nase und etwas Karamel. Im Mund noch frisch und durchaus lebendig mit deutlicher Säure, seidiger Frucht auf der Zunge und noch Tanninreserven. Das fast cremige Depot schmeckte wie Mocca mit Sahne. Ein Faszinosum, wie man es nur selten erleben darf.
Eine Schwesterflasche war 1988 von Christies in London versteigert worden und brachte einen sagenhaften Preis von 100 000 Mark. Dem Vernehmen nach hatten da orientalische Petro Dollar ihre Finger im Spiel. Einen Branchen on dit zufolge waren es Mittelsmänner des Sultan von Brunei, die den Zuschlag erhielten. Wein als solcher ist zwar für strenggläubige Muslime verboten, aber was heißt das in diesem Fall schon. So alter und kostbarer Wein ist Medizin für Leib und Seele und kein Alkohol. Siehe Goethe!
Quelle : http://drinktank.blogg.de/eintrag.php?id=3157
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